Singend durch die Nacht: John Taveners „The Veil of the Temple” in Dortmund

In der Nacht vom 6. auf den 7. April lud der Chorverband NRW in Kooperation mit dem WDR Rundfunkchor in die Dortmunder Petrikirche ein. Zu erleben dort war eine außergewöhnliche Aufführung. „The Veil of the Temple” von John Tavener, eine um die Jahrtausendwende entstandene und aufgrund ihrer Beschaffenheit bislang noch selten aufgeführte Komposition. Sie schafft das Paradoxon einer unterscheidenden Verbindung: zwischen den Weltreligionen und den davon geprägten Kulturen, aber auch zwischen Amateur- und Berufssänger*innen.

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Tavener bezeichnet seine Komposition als Vigil, eine liturgische Nachtwache. Ihr Aufbau ist an die Feier der Osternacht im orthodoxen Ritus angelehnt. Schon von daher unterscheidet sich ihre Realisation in mehrfacher Hinsicht von einem üblichen Konzert. Die Nacht in Dortmund erstreckte sich auf nahezu acht Stunden einer spirituell tief durchdrungenen und meditativen Musik, die allerdings völlig frei von konfessionellen Bindungen Ausführende wie Zuhörende eindrucksvoll vom Dunkel ins Licht führte. In Form und Bewegung einem sich öffnenden Fächer gleich entfaltete sie sich allmählich und weitete sich in immer größere Dimensionen von Klang, Raum und Zeit. Erkenntnisleitende Figur im Geschehen war Maria Magdalena, die am Ende sinnbildlich den Schleier (The Veil) ablegte, der den Blick bis dahin verhüllt hatte – ihren eigenen auf das Ganze wie den des Ganzen auf sie.

Gastgeber wie Motor dieser Reise durch die Nacht war der Chorverband NRW. Für das Publikum war keine feste Bestuhlung gestellt. Stattdessen war man aufgefordert, Isomatten und Schlafsäcke in die Kirche mitzubringen. Trotz weiterer Großereignisse in Dortmund bildete sich bereits vor Einlass eine lange Schlange von Menschen, die gleich zu Beginn um 22:00 Uhr teilhaben wollten. Sieben Chöre – rund 200 Amateur- und Berufssänger*Innen – waren tragender Bestandteil der Aufführung des achtstündigen Werkes. Darin folgten sie einem klug angelegten Aufführungskonzept des Initiators und künstlerischen Leiters der Nacht, Nicolas Fink, und wechselten fließend ihre Positionen und Besetzungen. Aus den mitwirkenden Einzelchören wurde so auf erhebende Art und Weise tatsächlich ein Ganzes. Darin enthalten waren neben dem WDR Rundfunkchor und dem Landesjugendchor NRW auch der Junge Kammerchor Köln, drei Chöre der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund und ein eigens für den Anlass zusammengestellter Projektchor des Chorverbands NRW. Auch das begleitende Instrumentarium war mit armenischer Doppelrohrflöte, indischem Harmonium, Tempelglocken und tibetischem Horn zum Fundament der Kirchenorgel außergewöhnlich. Solistisch waren die aus der Schweiz stammende Sopranistin Marysol Schalit und der australische Tenor Michael Smallwood zu hören, beide auf den internationalen Opernbühnen etabliert. Die umfängliche Basspartie übernahm eindrucksvoll Claudius Muth, daneben sang auch Daniel Weiler sowie die 14jährige Maya Brennecke. Weitere Partien wurden zudem höchst eindrucksvoll von Chormitgliedern gestaltet.

Das Publikum war durch die aufwendige Anlage der Kirche, große seitliche Chorpodeste und einer Insel für die Instrumentalist*innen und Dirigent*innen in der Mitte, zudem durch eine feine Lichtinszenierung und die im Raum wandelnden Mitwirkenden, stets als stummer Protagonist in die Inszenierung und viel mehr noch in das Gesamtkonzept integriert. „Wer einmal gemeinsam eine Nacht durchgemacht hat, weiß: Das schafft eine besondere Verbindung. Eine, die eben nur durch dieses gemeinsame Durchhalten entsteht“, erklärte Nicolas Fink, künstlerischer Leiter des Projektes, des Landesjugendchores NRW und Chefdirigent des WDR Rundfunkchores bereits vor der Aufführung.

Diese besondere und intensive Verbindung aller Mitwirkenden und Zuschauenden entlud sich am Ende beim gemeinsamen Verlassen der Kirche in der großen Freude, diese Nacht miteinander geteilt und gemeinsam erlebt zu haben. Der Chorverband NRW hat mit diesem beeindruckenden Großprojekt ein wirklich einmaliges Erlebnis realisiert, im singulären wie ausnehmenden Wortsinn, das bei WDR3 Tonart und im WDR3 Konzertplayer unbedingt zum Nachzuhören empfohlen ist. Weitere Informationen unter: www.theveilofthetemple.de

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